Ortsgeschichte Tiefenbronn

Urkundlich erscheint der Ort erstmals um 1105 im Hirsauer Codex: Ein Bürger Bebo aus Speyer übereignete ein Grundstück zu "Dieffenbrunnen" dem nahen Kloster Hirsau.
Blick auf Tiefenbronn

Dieser hatte "Dieffenbrunnen" zuvor von den Mönchen vom "Monte Sancti Petri", der Abtei St. Petersberg bei Fulda, und vom Abt von
Hugshofen im Elsaß erworben. Dietrich V. von Gemmingen übernahm 1407 von dem im Schleglerkrieg verarmten Jakob von Stein(egg) dessen Güter zu Tiefenbronn. Dietrich VII. verkaufte 1439 unter anderem sein Sechstel, das er am Ort besaß, an Markgraf Jakob I. von Baden und erhielt später das
gesamte Dorf von Markgraf Karl I. als Erblehen.

Tiefenbronn zählte mit zuletzt 7 weiteren Dörfern zu dem von seiner Umgebung weitgehend abgesonderten Gemmingischen Gebiet, dem sogenannten "Biet". Diese Sonderstellung wurde auch dadurch begründet, daß die Herrschaft von Gemmingen katholisch blieb, während die umliegenden badischen und württembergischen Orte während der Reformation evangelisch wurden. Die Landeshoheit über das Biet war umstritten: Die Adelsfamilie erkannte die von Baden erhobenen landesherrlichen Ansprüche nicht an. Real beschränkte sich der markgräfliche Einfluß auf die Gesetzgebung und die höchste Rechtsprechung. Steuereinzug und Militärhoheit standen dem Ritterkanton Neckar und Schwarzwald zu.

1518/19 schied sich die Linie Gemmingen-Hagenschieß nach dem Tode Dietrichs VII. in die beiden Linien Gemmingen-Steinegg-Tiefenbronn (Dietrich VIII.) und Gemmingen-Heimsheim-Mühlhausen (Otto d.J.). Eine weitere Aufspaltung in die Häuser Tiefenbronn und Steinegg trat mit dem Tod von Dietrich
VIII. im Jahr 1547 ein: Eitel Dietrich erhielt Schloß und Herrschaft Steinegg, Dieter IX. Tiefenbronn. 1745 endete die Linie Steinegg mit dem Tod von Karl Dietrich dem Jüngeren und das Erbe fiel der Linie Tiefenbronn, namentlich Johann Dietrich, zu. 1797 kam der Letzte der Linie, Franz von
Gemmingen-Tiefenbronn, ums Leben. Das Erbe übernahm Karl-Josef von Gemmingen-Mühlhausen, dessen Sohn Julius die drei Seitenlinien Tiefenbronn, Steinegg und Mühlhausen wieder in einer Hand vereinigte und sich Reichsfreiherr von Gemmingen-Hagenschieß nannte. 1806 wurden den Gemmingen die Hoheitsrechte ganz entzogen und ihr Gebiet dem Großherzogtum Baden einverleibt. Dabei erloschen das Recht der Gerichtsbarkeit der Barone, das Gemming'sche Amt Steinegg sowie das Notariatsamt Tiefenbronn. Nach und nach wurden Steuerfreiheit und Zehntrechte der Herrschaft beschnitten. Die Bevölkerung verweigerte die Ablieferung von Abgaben. Die Zehntablösung zwang Eduard und Gustav von Gemmingen zum Verkauf an Baden im Jahr 1839. Tiefenbronn gehörte zum badischen Oberamt, beziehungsweise ab 1936 zum Landkreis Pforzheim. Die im Zuge der Gemeindereform seit 1.1.1972 vereinte Gemeinde Tiefenbronn, bestehend aus den Ortsteilen Lehningen, Mühlhausen und Tiefenbronn, gehört seit 1973 dem neugeschaffenen Enzkreis an.

Der Dreißigjährige Krieg 1618-1648 wie auch der Pfälzische Krieg 1688-1697 hinterließen Spuren: dezimierte Bevölkerungszahlen, verwüstete Äcker und Felder. Der langsame Übergang vom Bauern- zum Handwerkerdorf nahm darin seinen Anfang. Die Markgrafen unterstützten diese Entwicklung durch
die Gewährung von Markt-, Wegegeld- und Geleitsrechten. Tiefenbronn wurde zum wohlhabenden Marktflecken, hielt zahlreiche Jahrmärkte, Pfingst- und Jakobimärkte, Krämer- und Viehmärkte ab und bildete eine starke Handwerkerschaft heraus. Durch den Anbau von Hanf und Flachs erlebte vor allem
die Weberei einen großen Aufschwung und im heutigen Rathaus entstand noch vor 1800 die Gall'sche Tuchfabrik. Mit der Enteignung der Freiherren von Gemmingen und dem Verkauf des "Biets" verlor das Dorf die "schützende Hand". Landwirtschaft und mit ihr die Gewerbebetriebe spürten die
Veränderungen. Mißernten führten zu weiterer Not, Zwangsversteigerungen nahmen zu und ein Strukturwandel veränderte die Situation drastisch. Mit der aufsteigenden Industrie der Stadt Pforzheim verbesserte sich die wirtschaftliche Lage ab 1857 wieder und die ersten Pendler traten täglich den
Weg durch den Hagenschieß nach Pforzheim und zurück an. Modernere und ertragreichere Bewirtschaftung der Felder sowie höhere Löhne in den Fabriken steigerten den Lebensstandard. Das Handwerkerdorf wurde zum Arbeiterdorf und zur Pendlerwohngemeinde. Die Einwohnerzahlen stiegen von 741 im Jahr 1900 bis auf 1500 im Jahr 1970.

Die katholische Kirche Maria Magdalena wurde in den Jahren 1380 bis 1420 erbaut. Die Kirche war Nachfolgerin einer kleinen, erstmals im Jahr 1347 erwähnten Marienkapelle und war bis ins 16. Jahrhundert "Unserer lieben Frau" gewidmet. Sie war zunächst Tochterkirche des Klosters Hirsau und
Filialkirche von Friolzheim bis zu ihrer Erhebung zur selbständigen Pfarrkirche 1455. Tiefenbronn ist bis heute Pfarrsitz und betreut die katholischen Gemeinden Mühlhausen und Lehningen. Ihre berühmten Kunstschätze wie der Magdalenenaltar von Lucas Moser (1432) und der Hochaltar von
Hans Schüchlin (1469) ziehen viele Besucher an. Die evangelische Kirche wurde im Jahr 1900 eingeweiht. Als Filialkirche ist sie bis heute nach Mühlhausen eingepfarrt. Wie in anderen reichsritterschaftlichen Orten lebten in der frühen Neuzeit sogenannte "Schutzjuden" in Tiefenbronn.

Der berühmteste Sohn der Gemeinde Tiefenbronn war der Arzt und Naturwissenschaftler Franz Joseph Gal!. Er kam am 9. März 1758 in Tiefenbronn als sechstes von zehn Kindern des Joseph Anton Gall und der Anna Maria geborene Killinger zur Welt. Die Tiefenbronner Gall stammen aus einer
angesehenen Bürgerfamilie aus Weil der Stadt. Franz Joseph Gall wurde wegen seiner überdurchschnittlichen Begabung von einem Onkel gefördert und besuchte höhere Schulen in Baden und Bruchsal. 1777 begann er sein Studium der Medizin und Anatomie an der Universität in Straßburg, wo er auch seine künftige Frau kennenlernte. Von 1781 an lebte und studierte er in Wien. Nach seiner Promotion 1785 richtete er sich dort eine Praxis ein, publizierte und begründete in Privatvorlesungen seine "Schädellehre", später Phrenologie genannt. Seiner inzwischen widerlegten Theorie zufolge sind die geistig-seelischen Anlagen des Menschen in bestimmten Bereichen des Gehirns angesiedelt und Charakter und Intelligenz an der Schädelform ablesbar. Seine Vorlesungen waren Anziehungspunkt für Musiker, Bildhauer, Schriftsteller und Staatsbeamte. Dennoch wurden die Vorlesungen im Dezember 1801 durch den Kaiser verboten, da die Lehre "gegen die Grundsätze der Religion und Moral zu streiten scheint". Die Zensur und das Vorlesungsverbot veranlaßten Gall, Wien zu verlassen und nach einer zweieinhalbjährigen Vortragsreise durch Deutschland, Dänemark, Holland und die Schweiz 1807 nach Paris überzusiedeln. Er hatte einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht und begann erfolgreich seine Kurse und Vorlesungen fortzusetzen - trotz Kritikern an allerhöchster Stelle wie
beispielsweise Napoleon. Dabei betrieb Gall weiterhin eine Praxis und war, wie in Wien, bevorzugt Arzt der Pariser Diplomaten-, Künstler- und Intellektuellenkreise. Nach dem Tod seiner Ehefrau in Wien im Jahr 1825 heiratete er ein zweites Mal. Franz Joseph Gall starb mehrere Wochen nach einem
Schlaganfall am 22. August 1828 und wurde auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise begraben. Seinen Schädel allerdings vermachte er dem dortigen Musee de I'Homme. In Tiefenbronn erinnert seit 1896 eine Gedenktafel an Galls Geburtshaus an den berühmten Sohn der Gemeinde.

Ausführlichere Angaben zur Ortsgeschichte der Gemeinde Tiefenbronn bietet "Das Buch von Tiefenbronn" von Hubert Lindner sowie die ortsgeschichtliche Sammlung im GemeindearchivTiefenbronn.